Ist die Rücktrittserklärung Benedikts XVI. vom 11. Februar 2013 rechtsgültig?


Die Rücktrittserklärung Seiner Heiligkeit Papst Benedikts XVI. vom 11. Februar 2013 weist insbesondere in ihrem lateinischen Originaltext einige Ungereimtheiten auf, die darauf schließen lassen, dass der darin behauptete Rücktritt nicht aus freien Stücken erklärt worden ist.

Im Folgenden soll daher jeder Satz dieser Erklärung, namentlich sowohl der lateinischen Originalfassung als auch der vatikanamtlichen deutschen Übersetzung, einem Kommentar unterzogen werden, wobei wir uns, was die deutsche Übersetzung angeht, insoweit an die des Vatikans halten, als diese uns fehlerfrei erscheint.

Wir sind nicht alleine mit Kritik an dem Text. Siehe etwa Wilfried STROH in der Münchner Abendzeitung: Latein-Professor verbessert Benedikts Rücktrittserklärung.

Es folgt der Kommentar im Einzelnen, wobei sich alle Quellenangaben betreffs GEORGES auf dessen Werk: Ausführliches lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Handwörterbuch aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hülfsmittel, Bände I und II, Leipzig (1869) beziehen:

DECLARATIO
ERKLÄRUNG

Fratres carissimi
Liebe Mitbrüder

Non solum propter tres canonizationes ad hoc Consistorium vos convocavi, sed etiam ut vobis decisionem magni momenti pro Ecclesiae vita communicem.
Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen.

Wie unten noch zu erörtern sein wird, führt der Papst für seinen Entschluss zurückzutreten, sein „Unvermögen“ (incapacitatem) an. In äußerstem Maße ungewöhnlich und paradox ist, dass er sich also einerseits unfähig zur Dienstverrichtung bezeichnet, andererseits aber noch Heiligsprechungen vornimmt, anstatt diese relativ nicht besonders dringliche, jedoch höchst wichtige Angelegenheit seinem Nachfolger zu überlassen.

Conscientia mea iterum atque iterum coram Deo explorata ad cognitionem certam perveni vires meas ingravescente aetate non iam aptas esse ad munus Petrinum aeque administrandum.
Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe [oder: Nachdem mein Gewissen wiederholt vor Gott ausgekundschaftet worden ist], bin ich zur Gewißheit gelangt, daß meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.

Es erscheint mit Glaubensfesten und der erleuchtenden Größe Gottes nicht vereinbar, wenn die Gewissensprüfung vor seinem Antlitz einer Wiederholung bedürfte, um zweckmäßig bzw. erfolgreich zu sein. Explorare bedeutet im Übrigen hauptsächlich (militärisch!) auskundschaften (GEORGES, I, 1911); um präziser zu sein, hätte hier etwa examinata verwendet werden können. Diese Unstimmigkeit könnte auf dunkle Machenschaften hinweisen, besteht in ihr doch im Zusammenhang mit dem unten erklärten körperlichen und geistigen Unvermögen ein gewisser Widerspruch dahin, dass ein angeblich derart unfähiger Greis sich nicht dieser militär-technischen Akribie einer Untersuchung bedienen können sollte.

Bene conscius sum hoc munus secundum suam essentiam spiritualem non solum agendo et loquendo exsequi debere, sed non minus patiendo et orando.
Ich bin mir sehr bewußt, daß dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet.

Auch hier verwendet der Papst zum wiederholten Male (und ausschließlich) den rechtstechnisch korrekten Begriff munus (GEORGES, II, 411), welcher auch im Canon 332 Absatz 2 CIC (deutsche Fassung) zu finden ist. Siehe zur Bewandtnis dessen unten.

Attamen in mundo nostri temporis rapidis mutationibus subiecto et quaestionibus magni ponderis pro vita fidei perturbato ad navem Sancti Petri gubernandam et ad annuntiandum Evangelium etiam vigor quidam corporis et animae necessarius est, qui ultimis mensibus in me modo tali minuitur, ut incapacitatem meam ad ministerium mihi commissum bene administrandum agnoscere debeam.
Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, daß ich mein Unvermögen erkennen muß, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.

Ohne Not wurde der eine Satz hier in der deutschen Übersetzung auseinandergerissen, um damit den Zusammenhang zu verklären, der in unserer Übersetzung zum Vorschein kommt:

Aber in der schnellen Veränderungen unterworfenen und von Fragen von großem Gewicht für das Leben des Glaubens aus der Fassung gebrachten Welt unserer Zeit ist doch zur Steuerung des Schiffes des Heiligen Petrus und zur Verkündung des Evangeliums eine gewisse Kraft des Körpers und des Geistes notwendig, […].

Attamen hat die Bedeutung von aber doch (GEORGES, I, 519). Es gibt eine Anzahl von lateinischen Synonymen dazu, die aber nicht verwendet wurden. Stattdessen zog man ein Wort vor, welches an Attentäter gemahnt! Wie oben bereits angesprochen, erklärt der Papst hier seine (angebliche) Unfähigkeit, sein Amt auszuüben. Trotzdem setzt er aber den Zeitpunkt der Wirksamkeit seiner Rücktrittserklärung erst mit dem 28.2.2013 an! Ein eklatanter Widerspruch sowie eine maßlose Verantwortungslosigkeit gegenüber der Bedeutung und Würde des Amtes Petri. Wenn es denn so wäre!

Quapropter bene conscius ponderis huius actus plena libertate declaro me ministerio Episcopi Romae, Successoris Sancti Petri, mihi per manus Cardinalium die 19 aprilis MMV commisso renuntiare ita ut a die 28 februarii MMXIII, hora 20, sedes Romae, sedes Sancti Petri vacet et Conclave ad eligendum novum Summum Pontificem ab his quibus competit convocandum esse.
Im Bewußtsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so daß ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muß.

In Verbindung mit dem conscius fehlt ein mihi, was auf das Zutreffen der alternativen Bedeutung der Mitwisserschaft schließen ließe (GEORGES, I, 1106). Sic!

Pondus, -eris, bedeutet nicht Ernst, sondern Bürde, Last (GEORGES, II, 937). Für den Fall, dass die Rücktrittserklärung abgenötigt worden sein sollte, versteht sich von selbst, dass sie eine gewaltige Last sowohl für Benedikt XVI. als auch für alle seine Nachfolger bedeutete, denn wer irgendwelchem äußeren Druck einmal nachgibt, ist angreifbar und wird das wieder tun. Verwunderlich auch, warum hier von einer Last gesprochen wird, anstatt von einer Befreiung von der Bürde des (nicht mehr tragbaren) Amtes!

Plena libertate ist hier fehl am Platze: Denn dieser Ablativ gebietet die Übersetzung „mit voller Freiheit„, die das Wesen des Begriffs der Freiheit nicht trifft, in der man sich befindet oder eben nicht. Weitaus präziser wäre hier ein genitivus qualitatis gewesen: plenae libertatis; wenn schon nicht die Form verwendet wird, die im Canon 332 Absatz 2 CIC zu finden ist, nämlich ein schlichtes Adverb libere.

Die zentralste Schwachstelle der Erklärung liegt aber in der Verwendung des untechnischen Begriffs des ministerii im Zusammenhang mit der eigentlichen Rücktrittserklärung, anstatt des auch von Canon 332 Absatz 2 CIC verwendeten begriffs des muneris. In einer Erklärung von derartiger Tragweite, wie die Rücktrittserklärung des Papstes eine ist, sollte verlangt und erwartet werden, dass zumindest der Kernsatz, die eigentliche Rücktrittsfloskel sich der verba legalia bedient. Dass der Papst sich ihrer selbstverständlich bewußt war, ergibt sich aus dem oben zweimal vorkommenden Gebrauch des Hauptwortes munus. Ministerium heißt in aller erster Linie Dienst(leistung) (GEORGES, II, 317). Der Papst erklärt hier also, von seiner bisherigen Dienstleistung zurückzutreten, was durchaus ironisch aufgefasst werden mag. Und er erklärt, derart zurückzutreten, sodass (erst) am 28.2.2013 eine Sedisvakanz eintrete. Das hier klar konsekutive ut bedeutet für sich genommen schon sodass (GEORGES, II, 2112 [2115]), sodass das zusätzliche ita als betonte Ironisierung des Rücktrittsbrimboriums dahin aufgefasst werden kann, dass dieses eben unwirksam sei.

Die Bezeichnungen Sedes Romae und Sedes Sancti Petri sind gleichfalls untechnisch! IM CIC kommt durchwegs nur Sedes Apostolica bzw. Sedes Sancta vor.

Schließlich ist das convocandum esse falsch; es müsste heißen convocandum erit. Dieser Fehler unterstreicht das Infinite, welches diesem Vorgehen entspricht, bei dem sowohl der jetzige als alle künftige Päpste auf einem Thron sitzen werden, der auf tönernen Beinen steht, weil ein unwirksamer Verzicht ausgesprochen wurde.

Festzuhalten ist hier jedenfalls, dass die Erklärung, dem ministerio zu entsagen, nicht gleichbedeutend ist mit dem Verzicht auf das munus laut Canon 332 Absatz 2 CIC!

Fratres carissimi, ex toto corde gratias ago vobis pro omni amore et labore, quo mecum pondus ministerii mei portastis et veniam peto pro omnibus defectibus meis.
Liebe Mitbrüder, ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.

Portare betont die Bewegung und heißt forttragen (GEORGES, II, 954); wird hier gegenüber dem einzig passenden ferre (tulistis) [GEORGES, I, 1998] eine Entwendung angedeutet?

Bei der Fügung veniam peto fehlt ein a vobis; was andeuten könnte, dass die Kardinäle in die Malversation involviert sind.

Wo hat dieser Papst gefehlt?!

Nunc autem Sanctam Dei Ecclesiam curae Summi eius Pastoris, Domini nostri Iesu Christi confidimus sanctamque eius Matrem Mariam imploramus, ut patribus Cardinalibus in eligendo novo Summo Pontifice materna sua bonitate assistat. Quod ad me attinet etiam in futuro vita orationi dedicata Sanctae Ecclesiae Dei toto ex corde servire velim.
Nun wollen wir die Heilige Kirche der Sorge des höchsten Hirten, unseres Herrn Jesus Christus, anempfehlen. Und bitten wir seine heilige Mutter Maria, damit sie den Kardinälen bei der Wahl des neuen Papstes mit ihrer mütterlichen Güte beistehe. Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen.

Es braucht keine besondere Erklärung nachzuvollziehen, dass eine neue Papstwahl ungültig wäre, wenn der vorangegangene Papst rechtsunwirksam zurückgetreten wäre. An das Erfordernis der freien Willenerklärung sind hier besonders strenge Maßstäbe anzulegen. Bereits der Anschein einer Unfreiwilligkeit sollte Anlass zur Sorge geben. Aus diesem Grund ist eine kirchen-gerichtliche Untersuchung der Umstände, wie es zur Verzichtserklärung kam, unabdingbar, zumal diese, hier kritisierte Erklärung, wie gezeigt, zahlreiche Unstimmigkeiten und Fehler aufweist, die eindeutig darauf schließen lassen, dass es dem Papst am von Canon 332 Absatz 2 CIC geforderten freien Willen tatsächlich gemangelt hat!